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Sonntag, 1. April 2012

Die letzten Folien.

Samstag, 31. März 2012.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (10)


Ad (leicht angegrätzt): Gibt es einen Grund, warum Sie den Buchhändler mit seinem Nachnamen ansprechen und uns anderen nicht?

Anne (lächelt): Ihrer Stimmlage nach vermuten Sie einen?

Rudi (lapidar): Vermutlich der gleiche, warum sie mich ansonsten duzt und mit Ratlos tituliert.

Ad: Und der wäre?

Rudi: Sie hält mich für einen Dummkritzler.

Anne: Iwo. Du kritzelst ganz gescheit, gemessen an deinen Möglichkeiten.

Rudi (erbost): Das ist ja nicht zu fassen! Trauen Sie mir professionelles Arbeiten etwa nicht zu?

Anne (lächelt): Ihre Persiflagen auf Möchtegernschreiberlinge, die ihre Manuskripte sogar an Verlage schicken, die gar keine Bücher verlegen, habe ich mit ausgesuchtem Vergnügen gelesen.

Rudi: Im Grunde Ihres Herzens finden Sie Leute wie mich überflüssig.

Anne: Ich bin langjährige Abonnentin Ihrer Zeitung.

Rudi: Und warum behandeln Sie mich dann so respektlos?

Anne (schaut die anderen an): Tue ich das?

Ad: Also, ich finde auch, Sie sind überempfindlich, Ratlos.

Rudi: Ich wüsste nicht, was Sie meine Befindlichkeit angeht!

Ad: Siehste. Das meinte ich.

Rudi: Ich bin ein neutraler, unabhängiger und vorurteilsloser Journalist! Ich …

Alle lachen.

Ad: Um aufs Thema zurückzukommen. Ich vermute mal, dass sie dem Buchhändler bloß schöntun will. (lacht) Vermutlich hat sie einen Roman geschrieben, und der Schmöker muss ja unter die Leute.

Berti setzt an, etwas zu sagen, aber Anne winkt ab: In der Tat. Es hat etwas mit Respekt zu tun.

Berti: Oder dass Ihr über eine Welt redet, in die ich nicht mehr gehöre.

Anne: Ich würde mir wirklich wünschen, dass es nicht so wäre.

Ad (hämisch): Wie salbungsvoll! Sind es nicht die Bewohner eben dieser edlen Welt, die auf mich und meinesgleichen verächtlich herabschauen? Die so tun, als wäre Werbung per se was Schlechtes? Dass ich geackert hab wie ein Blöder, damit die Sache mit dem Thoni-Verlag irgendwie flunzt, ignorieren die doch völlig! Zum Dank werde ich rausgeschmissen. Und Ad Web ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde!

Derry: Hilft aber ungemein, dich zuzuordnen und ist auch von flüchtigen Lesern leicht zu merken.

Ad: Das hast jetzt nicht du gesagt.

Anne: Ich kann ja nicht alles sagen.

Ad (sieht Anne an): Ich bin doch bloß ein Spielball für Sie!

Anne: So wie der Thoni-Verlag ein Spielball für Sie ist.

Derry: War.

Ad: Nein! Ich habe an diese Idee geglaubt! Ich glaube immer noch daran! Das Ding hat Potenzial! Und was tut der Depp? (zeigt auf Derry) Verschenkt den Laden!

Berti: Tatsächlich?

Derry (nickt).

Anne: Ad, sei ehrlich. Du glaubst bloß an eines: Groß rauszukommen! Endlich mal einen Coup zu landen, der dich für die Nachwelt konserviert. Oder dir zumindest für eine gewisse Dauer ein angenehmes Leben sichert.

Rudi: Wären Sie vielleicht so gnädig, uns bei Gelegenheit zu verraten, was hier gespielt wird? Woher Sie die Chuzpe nehmen …

Anne (sieht Derry an): Powerpointpräsentationen waren noch nie Corpys Stärke. Und Kostüme zieht sie nur an, wenn sie sich unsicher fühlt. Ich würde sagen: Es besteht durchaus Hoffnung.

Derry (kriegt rote Ohren).

Berti (interessiert): Hast du mir etwa relevante Dinge aus deinem aktuellen Leben verschwiegen, mein Lieber?

Derry (verlegen): Es ist nicht, was du denkst.

Anne (grinst): Stimmt. Ihr habt bloß über Bücher geredet, über Lektorinnen, die es bedauern, keine mehr zu lektorieren, und über einen Verleger, dessen Ziel es ist, auf keinen Fall welche zu verlegen. (Schaut zum Tresen, nickt einem älteren Mann zu, der auf einem Hocker sitzt und scheinbar völlig uninteressiert an einem abgestandenen Bier nuckelt): Ich glaube, wir sollten die Runde komplettieren.

Derry: Den kenn ich doch …

Rudi: Ja, stimmt! Der war schon mal hier!

Derry: Als ich die dämliche Idee mit dem Verlag hatte!

Rudi: Und ich die dämliche Idee, darüber zu schreiben.

Der Mann nimmt sein Bier, steigt vom Barhocker und kommt zögernd näher.

Anne: Darf ich vorstellen? Ron.

Ron: Ist es nicht angebracht, bei der Wahrheit zu bleiben?

Anne: Herr Chist, ich bitte Sie! Sind Sie nicht ein Meister darin, Ihre Wahrheit in eigener Zusammenstellung als wahrhaftig zu postulieren? Wie Sie füge ich lediglich Dinge zusammen, die bereits da sind. Ich sage erst das eine und komplettiere es danach mit dem anderen, in der Gewissheit, dass nur das die Wahrheit sein kann, und dass sie auch alle anderen auf Anhieb verstehen. Und weil wir uns hier mit Vornamen anreden, finde ich Ron einen guten Kompromiss.

Ron (nimmt sich einen Stuhl vom Nachbartisch und setzt sich schweigend).

Ad (ärgerlich): Es wäre schon hilfreich zu wissen, mit wem wir an einem Tisch sitzen, finden Sie nicht?

Anne (schaut Ron an, lacht): Na, los, mein Lieber! Worauf warten Sie? Erzählen Sie den Figuren hier endlich, was Sie mit ihnen angestellt haben.

Ron (verstimmt): Ich habe lediglich Sachverhalte dokumentiert.

Anne: Die Ihnen andere in nach eigenem Gusto zusammengewürfelten Häppchen serviert haben. Sie sind wahrlich ein Ausbund an Neutralität.

Derry: Ich versteh gerade nur Bahnhof.

Ron (zu Anne, ärgerlich): SIE müssen gerade anfangen, von Manipulation zu reden! Wenn sich irgendwer die Leute nach eigenen Klischees zusammenbastelt, dann ja wohl Sie!

Rudi: Stimmt.

Anne (trinkt genussvoll einen Schluck Bier. Sieht der Reihe nach alle am Tisch an. Macht eine kleine Pause, bevor sie spricht): Die Wirklichkeit beinhaltet Ereignisse, die in unserem Leben stattfinden. Wahrheit ist die Bedeutung, die wir ihnen glauben geben zu müssen. Je enger wir emotional mit unseren Wahrheiten verbunden sind, desto intensiver versuchen wir, sie als die einzige, als die wahre Wahrheit zu postulieren. Die für alle zu gelten hat. Insofern haben Sie recht, Rudi.

Ad: Dieses theoretische Geschwafel konnte ich schon in der Schule nicht ab.

Derry: Weshalb du lieber Aufsätze und Diktate geschrieben hast.

Rudi: Muss ich das verstehen?

Anne (in die Runde): Kennen Sie Herrn Meyer?

Derry: Nein.

Rudi: Aber ja!

Ad: Ja.

Berti: Nein.

Anne: Und was heißt das nun?

Rudi: Dass Sie ein neues Spielchen mit uns spielen.

Anne (lächelt): Also ist Ihre Antwort auf das Spielchen auch eins. Mithin: Fake?

Rudi: Mitnichten!

Anne: Eine unüberlegte Äußerung eines ansonsten überaus überlegten Journalisten?

Rudi: Die spontane Antwort auf eine dämliche Frage! Einen Menschen mit Namen Meyer kennt doch jeder!

Anne: Also haben Herr Buchmann und Derry gelogen?

Derry: In meinem ganzen Bekanntenkreis gibt‘s keinen Meyer. Vielleicht irgendwo in der Firma. Aber ich bin ihm noch nicht begegnet, falls es ihn tatsächlich gibt.

Anne: Das klingt ehrlich. Die Frage bleibt: Ist es auch wahr? Oder fällt dir vielleicht doch noch ein, dass es irgendwo in deiner Vergangenheit einen dunklen Fleck namens Meyer gibt?

Derry: Also bitte!

Anne: Darf ich dich an den Verrückten erinnern, der dir vor acht Jahren den Wagen zu Schrott gefahren hat?

Derry: Der hieß Meyer? Hab ich doch glatt vergessen.

Anne: Manchmal nutzt es, Wahrscheinlichkeiten zu Rate zu ziehen, um einem Irrtum auf die Spur zu kommen. Sachkenntnis hilft natürlich auch.

Derry: Und warum erinnerst du dieses unwichtige Detail?

Anne (zuckt die Schultern): Das musst du die Regie fragen. (Sieht die anderen an.) Ich präzisiere: Kennen Sie den älteren Herrn namens Meyer, der mit Vornamen Daniel heißt, einen Schnauzer und graue Haare hat und im Hinterhaus von Herrn Buchmanns Laden wohnt? Im gleichen Haus übrigens wie Sie, Ad.

Rudi: Deshalb hat Ad ja Ja gesagt.

Derry: Du wohnst im Hinterhaus der Buchhandlung?? Das wusste ich ja gar nicht!

Ad: Was glaubst du denn, warum ich regelmäßig in diese ausgesuchte Kneipe gehe? Dass ich jedes Mal von Friedberg anreise, weil‘s hier so toll ist? Ja, der Meyer. Ich hab sofort gewusst, dass Sie nur den meinen können. Der totale Eigenbrötler. Redet nix, arbeitet nix. Ich seh den immer, wenn ich den Müll rausbringe.

Anne: Und Sie kennen ihn nicht, Herr Buchmann?

Berti: Nein. Ich habe zwar vermutet, dass Sie womöglich diesen Herrn meinen könnten, aber alles was ich über ihn weiß ist, dass er erst seit einigen Monaten in diesem Haus wohnt, dass er nach dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen lebt und wegen eines schweren Rückenleidens frühverrentet ist. Anfangs kam er hin und wieder in die Buchhandlung. Aber kennen? Nein, das wäre zu viel gesagt. Jetzt sehe ich ihn nur noch ab und zu, wenn ich den Müll rausbringe. Und was meine Person angeht, wäre klarzustellen: Ich bin nicht edel, ich bin alt.

Anne: Und ein bisschen aus der Welt gefallen. Ich mag Menschen wie Sie. Deshalb kann ich in Ihrem Fall auch nicht objektiv sein. Und nun denken Sie bitte alle darüber nach, welche Antworten die Wahrheit sind.

Berti: Wenn ich der wäre, für den Sie mich halten, hätte ich mich mit den neuen Medien auseinandergesetzt.

Anne (lächelt): Und längst den Laden renoviert. Aber den Ohrensessel dringelassen. Und eines ganz gewiss nicht getan: rosalila Schmachtlektüre gestapelt. (Sieht Ron an.) Sie werden sicher auch diese Informationen akribisch für die Nachwelt dokumentieren. Sie gehören nämlich zur Geschichte.

Ron: Sie wissen doch genau, dass ich das bestimmt nicht tun werde!

Anne (zuckt die Schultern).

Ron (verärgert): Wegen Irrelevanz des zugrundeliegenden Sachverhaltes habe ich die Chronistierungen gestern eingestellt!

Ad: Die was?

Anne (zu Ron): Es wird bloß nichts nützen. (Sie hebt lächelnd ihr Glas.) In diesem Sinne: Prost, meine Herren! Auf die Regie und den Thoni-Verlag, die uns heute hier zusammengeführt haben.

Alle heben ihr Glas.

Derry: Eine Frage noch?

Anne (nickt).

Derry: Was treibt Werner?

Anne: Ist in Reha.

Derry (entsetzt): Wie bitte?

Anne (schaut Ron an): Im Gegensatz zu q7 hat er den Herzinfarkt überlebt.

Derry: Wie kann ich ihn erreichen?

Anne (zuckt die Schultern): Sein Chef hat`s mir nicht verraten. Angeblich will er niemanden sehen. Aber ich glaube, er war nur zu taktvoll mir zu sagen, dass er mich nicht sehen will.

Ad: Wer ist Werner?

Anne (schaut Derry an): Ich sag dir mal was: Bücher lesen genügt auf die Dauer nicht. Wenn du nicht aufpasst, bist du der nächste. Ach ja, und noch was: Der Käsekuchen von Frau F. war nur Bestechung. Sie hofft immer noch auf den großen Durchbruch als Autorin. Und Sie, Herr Buchmann, sollten Ihrem Freund endlich beichten, was Sie schon lange vorhaben und heute Mittag konsequenterweise getan haben. Er ahnt es ohnehin. (Sie trinkt ihr Bier aus und steht auf.) Damit wäre alles gesagt, was es zu sagen gab. Einen schönen Abend noch, die Herren!

Nennt mich Anne.

Samstag, 31. März 2012.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (9)


Der Verleger und Ad sitzen am Stammtisch. Jeder hat ein halbvolles Glas Bier vor sich.

Ad: Also, ich sag`s dir noch mal, Kumpel: Wir sollten endlich einsteigen, in dieses lukrative Geschäft!

Verleger: Nein.

Ad: Null Risiko bei minimaler Investition – Dein Nein ist das Dümmste, was dir dazu einfallen kann!

Verleger: Ich habe den Thoni-Verlag nicht gegründet, um …

Ad (unterbricht grinsend): Ich weiß ja, du willst partout keine Bücher verlegen. Musst du ja auch nicht.

Verleger: Ach? Und was sind eBooks bitte anderes?

Ad (erstaunt): Ich dachte, du bist so ein Schmökerfreak? Hast du mal bei amazon nachgeguckt, was da abgeht?

Verleger: Ich kaufe meine Bücher im Buchladen.

Ad: Um die Ecke, ja, ja. Weil`s so schön sentimental ist. Aber mal ehrlich: Wenn der Buchmann nicht dein bester Kumpel wäre …

Verleger: Berti ist kein Kumpel! Er ist mein Freund.

Ad (grinst): Davon hab ich mit Stand von heute ein gutes halbes Tausend für dich zusammengetragen. Falls es dich überhaupt interessiert.

Verleger: Nein.

Ad: Ich schwör`s dir, du hast null Arbeit mit der Sache. Das Konzept hab ich so gut wie fertig.

Verleger: Um Arbeit geht es nicht. Und dieser dämliche Facebook account wird gelöscht.

Ad: Facebook war sowieso nur als Einstieg gedacht. Wir müssen in die Foren.

Verleger: Ich muss gar nichts.

Ad: Du bist wirklich eine harte Nuss, Kumpel! Aber vielleicht wenn ich dir`s noch mal ganz genau erkläre? Also, der Kardinalfehler, den ihr Bücherleute macht ist zu glauben, euer Produkt verkaufe sich von allein, nur weil es kulturell so außerordentlich wertvoll sei. Selbst wenn dem so wäre – woran ich angesichts mancher Druckwerke aufrichtigen Zweifel hege – reicht es nicht, in einer verstaubten Buchhandlung oder einem ebensolchen Verlag darauf zu warten, dass die Kunden von selbst kommen. Kunden können nur kaufen, wenn sie wissen, wo sie das finden, was sie kaufen wollen. Oder wenn man ihnen den Mund so wässrig macht, dass sie unbedingt das kaufen wollen, von dem man will, dass sie es kaufen sollen. Weil man`s nun mal produziert hat. Die Gründe sind egal, sie müssen nur eingängig sein, plausibel, verkaufsträchtig. Und hier kannst du jetzt alle deine hehren Ziele platzieren: Verkauf deine Bücher meinetwegen, weil sie kulturell wertvoll sind. Oder weil du deinen Kunden was Gutes tun willst. Oder weil du Kohle machen willst. Oder alles zusammen. Insofern macht es keinen Unterschied, ob du ein Vermarktungskonzept für Bücher oder für Hämorrhoidensalbe erstellst.

Verleger: Mund wässrig machen mit Hämorrhoidensalbe. Alles klar.

Ad: Du nimmst mich nicht ernst!

Verleger: Wie sollte ich, wenn du Bücher mit Hämorrhoiden vergleichst.

Ad: Also gut. Noch mal von vorn. Du hast einen Verlag gegründet. Das Motiv ist nebulös, aber unwichtig. Wichtig ist, dass dein komischer Verlag sich von anderen unterscheidet, weil du genau das tust, was alle von einem Verleger NICHT erwarten. Das macht deinen Verlag unverwechselbar, was dazu führt, dass die Öffentlichkeit ihn verstärkt wahrnimmt …

Verleger: … in Form von sinnfreien Glossen im örtlichen Käseblatt …

Ad: … die offenbar von vielen Leuten gelesen werden …

Verleger: … weshalb sie unlängst eingestellt wurden, was ich keinesfalls bedaure.

Ad: Seit Bestehen werden dem Thoni-Verlag eine Unmasse an unverlangten Manuskripten zugeschickt, und zwar auffallend gehäuft nach den von dir so verschmähten Artikeln im NNB, und zwar in der Mehrzahl der Fälle elektronisch, was bedeutet, dass …

Verleger: … die Leute nicht nur schlechte Texte verfassen, sondern auch unfallfrei eMails verschicken können.

Ad: Der unbestreitbare Vorteil der elektronischen Medien ist, dass so gut wie keine Kosten anfallen. Und damit wären wir beim Punkt: Alle diese Leute wollen veröffentlicht werden! Natürlich könnten sie es auch selber machen, ist ja kein Problem mehr heutzutage! Aber glaub`s mir: Die meisten Indies würden sich die Finger lecken, wenn sie ein Verlagsangebot bekämen. Selbst wenn dieser Verlag letztlich nichts anders täte als sie selbst tun würden. Na gut, ein bisschen besser formatieren sollten wir das Zeug schon.

Verleger: Indies?

Ad: Du hast ja wirklich null Ahnung! Independent authors. Oder so ähnlich. Ist auch wurscht. Leute eben, die schreiben und selbst veröffentlichen. Früher haben sie ihre Manuskripte per Post an sämtliche Adressen geschickt, in denen das Wort Verlag vorkam, dann sind sie scharenweise Druckkostenzuschussdienstleistern auf den Leim gegangen, die ihnen tausende von Euro aus dem Sack zogen, damit auf ihren Drucksachen irgendwo das Wort Verlag erschien, was sie mindestens für die Freundin und die Oma zu ernstzunehmenden Schriftstellern machte. Wobei ich anmerken muss, dass ich das zugrundeliegende Geschäftsmodell dieser DKZler durchaus bewundernswert finde. Zumindest, was die Rendite angeht. Tja, und als nächstes gab‘s die Books-on Demand Welle, da war‘s zwar billiger, aber es blieb doch ein Publizieren ohne Verlag. Und jetzt hat amazon mit dem eBook-Direktpublishing die Schleusen geöffnet. Ich sag‘s dir: Was da abgeht, ist nicht von dieser Welt.

Verleger: Mithin Zeitverschwendung.

Ad: Nee. Genau da liegt die Zukunft, Kumpel! Na gut, vielleicht nicht für anspruchsvolle Leser wie dich. Aber du bist sowieso kein Gradmesser für den Zeitgeist. Der Zeitgeist liest online. Und ist voll auf „e“ gepolt.

Verleger: Ich habe durchaus schon damit geliebäugelt, mir einen Reader anzuschaffen.

Ad: Lass es.

Verleger: Ich lasse es auch. Aber nicht, weil ich fände, dass man nicht auch auf elektronischem Wege gute Bücher herstellen könnte. Aber sie bleiben ja doch virtuell, diese Bücher. Und ich sehe nicht ein, für eine Datei nur unwesentlich weniger auszugeben als für ein gedrucktes Buch. Noch dazu, wenn ich vorher für auch nicht gerade wenig Geld ein Gerät kaufen muss, um diese Dateien überhaupt lesen zu können.

Ad: Genau darum geht es! Zurzeit gibt es auf diesem Markt nur überteuert oder umsonst. Schätzungsweise 80% der Mitglieder in den einschlägigen eBook-Leserforen sind, wenn ich die Art der geposteten Beiträge analysiere, in Wahrheit wohl weniger Leser, sondern vor allem Schreiber, die gerade einen Text ins Netz gejagt haben, den sie mit stolzgeschwellter Brust Roman nennen, und sie tun alles, aber wirklich alles, um ihre Machwerke unter die Leute zu bringen. Du glaubst nicht, was da für grottenschlechtes Zeug dabei ist. Hätte ich das früher in der Schule als Aufsatz oder Diktat abgegeben, ich wäre sitzengeblieben! Daran gemessen, erhält der Thoni-Verlag geradezu literarische Meisterwerke zugeschickt.

Verleger: Und dein geniales Konzept sieht nun vor, es den Produzenten dieses grottenschlechten Zeugs noch leichter zu machen, Leser zu belästigen? Und das auch noch gegen Bezahlung und in meinem Namen? Nix da!

Ad (ungeduldig): Du hörst mir einfach nicht zu! Auf die ganz Grottenschlechten sind wir gar nicht angewiesen! Ich wollte dir lediglich den Mechanismus erklären, kapiert? Jeden Tag trudeln im Thoni-Verlag mehrere Manuskripte ein. Das macht in der Summe mittlerweile fast ein halbes Tausend aus. Ich hab denen zwar gesammelt die üblichen Absagen geschickt, aber in weiser Voraussicht Namen, Werktitel und Mailadressen gespeichert. Einige von den Dingern stehen inzwischen bei amazon, und die Verfasser üben sich darin, gefakte Rezensionen zu posten und auf Facebook und in den entsprechenden Foren die Leute mit Selbstlob zuzuspammen. Beides führt nicht wirklich zum Erfolg, wie die Rankings und Kommentare genervter Leser zeigen. Genau hier setzt mein Konzept an:
1. Die ausschließliche Ausrichtung des Thoni-Verlags auf eBooks.
2. Die Nutzung des Untertitels „ohne Bücher“ als augenzwinkernden Werbeeinstieg, frei nach dem Motto: Junger Verlag sucht Bücher, denn wir haben noch keine. Oder: Wir machen gute eBücher, liebe Autoren seid stolz darauf! Und wenn Ihr nicht ernstgenommen werdet in der Welt der hehren Literaten, na gut, dann kontert: Stimmt! Unsere Bücher sind keine richtigen Bücher. Deshalb werden wir ja auch in einem Verlag ohne Bücher verlegt. (lacht) Ist das nicht genial?
(Der Verleger will was sagen, aber Ad fährt ungerührt fort):
3. Zu einem angemessenen Preis bieten wir die Konvertierung eingereichter Word-Dokumente in alle gängigen eBook-Formate an. Voraussetzung ist natürlich, dass die Autoren die Texte fix und fertig gesetzt haben und wir keinerlei Garantie für das Layout übernehmen. Für die Konvertierung gibt’s übrigens Gratisprogramme im Internet. Hab ich mir schon runtergeladen, und es funktioniert prima.
4. Der Thoni-Verlag …

Verleger: … ist kein Verlag, wenn er die Autoren die Verlagsarbeit selber machen lässt!

Ad: Der Thoni-Verlag garantiert die Präsentation aller verlegten Werke auf diversen Plattformen im Netz, und er …

Verleger: … zockt die einen ab, um die anderen zuzuspammen. Vergiss es.

Ad: Denk einfach noch mal in Ruhe drüber nach.

Verleger: Habe ich schon. Und gerade die Lösung für alle deine Probleme gefunden.

Ad: Tatsächlich?

Verleger: Du bist gefeuert.

Ad (entgeistert): Das meinst du jetzt nicht im Ernst, Kumpel!

Verleger: Ganz ernst, Kumpel. Und den Pseudolektor samt Schnapspulle nimmst du bitte gleich mit.

Ad (schluckt, aber dann berappelt er sich): Na gut. Dann verkauf mir den Verlag.

Verleger: Nein.

Ad: Du hast nicht mal gefragt, wie viel ich dir bieten würde!

Verleger: Weil‘s mir egal ist.

Ad: Die ganze Zeit wolltest du das Ding loswerden, und jetzt ...

Verleger: Ich werd`s ja los.

Ad: Ach?

Verleger: Es gibt einen ernstzunehmenden Interessenten. Besser gesagt, eine Interessentin.

Ad (erfreut): Und das sagst du mir erst jetzt? Ich wäre natürlich an einer Beteiligung interessiert! Kannst du ein gutes Wort einlegen?

Verleger: Das wird wenig Sinn haben. Sie wird nämlich im Sinne der Verlagsphilosophie handeln.
 
Ad: Die da wäre?

Verleger: Einen Verlag zu führen, der keine Bücher verlegt.

Ad: Und was will sie dann damit?

Verleger: Bücher verlegen.

Ad: Versteh ich nicht.

Verleger: Ich auch nicht. Aber ich kenne sie und bin sicher, dass es funktioniert.

Ad: Das ist ja die Höhe! Diese schwachsinnige Idee findest du gut und mein durchdachtes Konzept wischst du verächtlich beiseite? Dabei hast du nicht mal die Kalkulation gesehen!

Verleger: Ich kenne dich. Das reicht als Kalkulation.

Ad (ungerührt): Aber die braucht doch bestimmt fähige Mitarbeiter! Ich könnte …

Verleger: Vergiss es, Ad. Hämorrhoidensalbe steht nicht auf ihrem Speiseplan.

Ad: Wenn ich das richtig verstanden habe, hat sie also noch nicht gekauft?

Verleger (lächelt): Braucht sie nicht. Ich werde ihr den Verlag schenken. Vielleicht bleibe ich auch als Berater. Fürs Marketing. Mal sehen.

Ad: Du verscheißerst mich.

Verleger (grinst): Stimmt. Aber du hast es ja nicht anders gewollt.


Die Tür geht auf. Berti kommt herein. Er sieht Ad und verzieht unmerklich das Gesicht.

Verleger: Du kannst dich beruhigt zu uns gesellen, Berti! Ad und ich haben gerade alles geklärt.

Ad: Das sehe ich aber anders!

Verleger: Ich habe ihn fristlos entlassen.

Berti (lächelt und setzt sich): Heißt das, dass ich die Hoffnung haben darf, heute Abend nicht über die neuesten Marktentwicklungschancen der Buchbranche informiert zu werden?

Ad: So kannst du nicht mit mir umspringen, Kumpel!

Verleger: Doch. Und jetzt beruhig dich wieder. (ruft in Richtung Tresen): Willi – drei Bier!

Ad: Das ist also dein Dank für die ganze Arbeit, die ich in deinen dämlichen Verlag gesteckt habe?

Die Tür geht auf. Reporter Rudi Ratlos kommt herein.

Ad (winkt ihm zu): He! Sie schickt der Himmel!

Rudi (kommt zum Tisch): Guten Abend, die Herren.

Ad: Stellen Sie sich vor: Der Thoni-Verlag soll geschlossen werden!

Verleger: Falsch. Er wird verschenkt. Und anschließend im traditionellen Stil weitergeführt.

Ad: Hahaha! Der traditionelle Stil bin ich! Alles, was diesen bescheuerten Verlag bekannt gemacht hat, habe ich kreiert! All die Slogans und Internetpostings! Und außerdem: Wer hat denn die Kontakte zur Presse hergestellt?

Rudi (setzt sich): Und all die hübschen Absagemails geschickt …

Ad: Na, das gehört ja wohl dazu.

Rudi: Pech nur, wenn eine besonders nett formulierte davon dem Redaktionschef und verkannten Schriftstellergenie der örtlichen Zeitung zugeht, die dem Verlag als einzige ein Forum gegeben hat.

Ad (starrt ihn entgeistert an): Nee, oder?

Rudi: Tja. Eine weitere Berichterstattung über den Thoni-Verlag im NNB wird es nicht geben. Es sei denn, es ließe sich belegen, dass die Betreiber Betrüger oder sonstige verabscheuungswürdige Subjekte sind.

Verleger (verschluckt sich vor Lachen am Bier).

Die Tür geht auf. Eine Frau kommt herein.
Der Verleger stutzt und schaut noch mal hin. Berti versucht sich zu erinnern, dass ihm die Fragezeichen auf der Stirn stehen.

Ad: Kennt ihr die etwa?

Rudi: Ich jedenfalls nicht.

Die Frau hängt ihre Jacke an die Garderobe und kommt zum Tisch. Im Vorbeigehen sagt sie freundlich zu Willi: Bitte eine Runde Bier für alle.

Willi: Ist schon in der Mache!

Rudi (starrt die Frau an): Das glaub ich ja nicht! SIE sind das?

Berti (steht auf und gibt ihr die Hand): Jetzt weiß ich, woher ich Sie kenne. Oder besser gesagt, Ihr Bild. Gestatten Sie mir das Kompliment, dass …

Verleger (ist ebenfalls aufgestanden): Eva! Was machst du hier?

Ad (bleibt demonstrativ sitzen): Ich fänd‘s nett, wenn mir mal jemand erklären würde …

Rudi (schaut überrascht von Eva zu Berti und dem Verleger): Sie kennen sich?

Verleger: Wie geht`s Werner?

Eva: Ich schlage vor, Sie setzen sich, und wir trinken ein Bier zusammen. Und Sie nennen mich der Einfachheit halber Anne. (sieht lächelnd den Verleger an) Du auch, bitte.

Rudi: Warum haben Sie mich …

Anne: Ich konnte nichts dafür.

Rudi: Dafür klangen Sie aber reichlich engagiert.

Anne: Wann kommt das Interview?

Rudi: Wann immer Sie es wünschen.

Anne: Also gar nicht.

Willi bringt das Bier. Anne wartet, bis jeder sein Glas vor sich stehen hat. Sie trinkt einen Schluck und wischt den Schaum mit der Hand weg. Sie schaut den Verleger an.

Anne: Ich wollte unbedingt herkommen, ehe es zu Ende ist. Aber ich musste Bedingungen akzeptieren, die ich weder angemessen noch nachvollziehbar finde.

Verleger: Ich verstehe nicht, was du meinst.

Anne: Ich darf hier sein, aber ich darf nicht frei entscheiden, was ich sage, Manches darf ich gar nicht sagen. Manches muss ich sagen, auch wenn ich das gar nicht will. Einiges wird nicht nur unlogisch klingen, sondern unlogisch sein. Aber bitte glaubt mir eines: Gleichgültig, wie dieses Gespräch verlaufen mag: Ich schätze Euch. Sie, Ad, und selbst wenn sie es nicht für möglich halten, auch Sie, Rudi. Herrn Buchmann sowieso. Und dich, Derry. Dich ganz besonders. Was deine Frau mit dir gemacht hat, war nicht fair. Bewundernswert, wie du das weggesteckt hast.

Derry: Äh, ich glaube …

Anne: Siehst du, damit fängt das Dilemma an. Ich hätte mich so gern mal mit dir allein getroffen. Aber das hat die Regie nicht vorgesehen.

Rudi: Welche Regie?

Anne (schaut Berti an): Ich stand die Tage vor Ihrem Laden, Herr Buchmann. Ich habe mich aber nicht hineingetraut.

Berti (lächelt): Ich weiß.

Rudi: Sagt die Regie.

Anne: Stimmt.

Alle lachen.

Anne: Also, wenn Sie trotz dieser dämlichen Vorgaben mit mir ein Bier trinken und reden wollen …?

Alle nicken.

Freitag, 23. Dezember 2011

Eine stinknormale Leichensache. (3)

Donnerstag, 22. Dezember 2011.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (8)


Werner: Ich bin nach dem Mittagessen allein hingefahren.

Verleger: Hm.

Werner (schaut sein Glas an): Die Bibliothekarin wusste auch nicht viel. Nur dass er früher Schriftsetzer war. Hätte viel Spaß in seinem Job gehabt, bis er outgesourct wurde. Dann hätte er es mit einer Detektei versucht, sei aber gescheitert. Danach diverse Aushilfsjobs, dann die Frau abgehauen. Zuletzt hätte er eine Art Recherche für irgendwen gemacht. Hätte ein großes Geheimnis drum gemacht und nie einen Namen genannt. Hätte sogar die Hoffnung gehabt, im neuen Jahr von der Stütze wegzukommen. Ein, zweimal in der Woche sei er in die Bücherei gekommen und hätte sich Bücher ausgeliehen. Keine besonderen Vorlieben. Ihren Kaffee habe er gemocht. Und sie hätten gequatscht, soweit es für sie während der Arbeit möglich gewesen wäre. Belanglosigkeiten. Er sei manchmal etwas anstrengend gewesen, aber im Grunde eine Seele von Mensch. Dann hätte sie ihn längere Zeit nicht gesehen, weil sie krank war. (schaut den Verleger an) Sie wusste nicht mal, wo er wohnt und wie er mit Nachnamen hieß. Aber als ich mich verabschiedete, hat sie gefragt, wo er beerdigt wird.

Verleger: Wenn ich`s recht überlege: So schlecht ist mein Job dann doch nicht.

Werner: (Befingert sein leeres Bierglas, sieht zur Theke. Sieht auf den Tisch, betrachtet das Bierglas.) Eine ganz normale Nullachtfünfzehn-Leichensache! Alltagsgeschäft. Macht mir wirklich nicht das Geringste aus. (schüttelt den Kopf) Stirbt der da einfach so beim eMail-Schreiben.

Verleger (schweigt)

Werner (schweigt)

Verleger: Ich hasse Weihnachten.

Werner: Hm.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Eine stinknormale Leichensache. (2)

Mittwoch, 21. Dezember 2011.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (7)


Werner: Wir haben also die Tür aufgebrochen. Und dann hockt der da vorm Computer. Im Jogging-Anzug, den Kopf auf der Tastatur. Beziehungsweise das, was noch davon übrig war. Vom Kopf, meine ich. Und drüber schweben die Kästchen von einem Uralt-Bildschirmschoner über den Monitor. (schaut zum Fenster hinaus) Stell dir vor: Der war noch bei Facebook eingelockt. Und mitten beim eMail-schreiben. Der ist da einfach weggestorben, online, sozusagen. Und keiner hat`s gemerkt.

Verleger: Das ist nicht schön.

Werner: Ein Glück für uns, dass der die Heizung noch nicht angestellt hatte. Pech für ihn, sonst hätte sich vielleicht doch früher mal einer beschwert, wegen dem Gestank. (sieht den Verleger an) Tja, was soll ich sagen? Eine stinknormale Leichensache war das! (lacht) Im wahrsten Sinne des Wortes. Und deshalb versteh ich nicht, warum der mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht: Wie er da sitzt und einfach tot ist und keinen juckt`s. Eigentlich wär ich schnell fertig gewesen; es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass da irgendein Fremdverschulden zu ermitteln wäre. Herzinfarkt, Schlaganfall, was weiß ich. Also, das Routineprogramm: Leiche untersuchen, nachschauen, ob womöglich irgendwer in der Wohnung war, ein, zwei Nachbarn befragen. Ein bisschen gestöbert im Facebook-Account, kleiner Check auf der Festplatte, kein Password, keine Sicherung, nix. Und die eMail? Bin nicht richtig schlau draus geworden, es ging um irgendwelche Recherchen, und der wollte wohl unbedingt irgendeinem, der sich Der Chronist nennt, was mitteilen. Auf den ersten Blick hörte sich`s dramatisch an. Aber als ich dann ein bisschen mehr gelesen habe, war mir klar: Das ist wirklich nichts von Belang. Tja. Eigentlich wär`s das dann gewesen. Pietät verständigen, Leichensache schreiben, ab damit zur Staatsanwaltschaft, finito. (trinkt einen Schluck. Schweigt.)

Verleger (trinkt einen Schluck. Schweigt.)

Werner: Niemand in diesem ganzen verdammten Haus konnte mir irgendetwas über den Toten sagen, außer, dass er von Hartz IV lebte. Dass seine Frau vor Jahren weg ist. Und dass da nie irgendjemand mal aufgetaucht ist, keine Besuche, keine Familie, nichts.
Na ja, und dann hab ich die Telefonnummer angerufen, die auf einem Zettel stand, der auf dem Wohnzimmertisch lag. Eine Frau, die in der örtlichen Bibliothek arbeitet. Älterer Jahrgang, kurz vor der Rente. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass das irgendwen irgendwie berührt, dass der tot war. Obwohl sie ihn auch nicht näher gekannt hat.
Meine Kollegin hat mir einen Vogel gezeigt. Es sei völlig überflüssig, da hinzufahren. War es auch. Es gab nichts mehr zu ermitteln: die Sache war glasklar: Natürlicher Tod aus ungeklärter innerer Ursache. Eine stinknormale Leichensache halt.

(Forts. folgt)

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Eine stinknormale Leichensache. (1)

Dienstag, 20. Dezember 2011.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (6)


Der Verleger sitzt am Stammtisch. Werner kommt herein, nickt Willi zu, lässt sich auf den leeren Stuhl gegenüber vom Verleger fallen. Willi bringt kommentarlos zwei Bier.

Werner: Kommt Herr Buchmann auch?

Verleger: Heute nicht.

Werner: Hm.

Verleger (prostet ihm zu): Spuck`s endlich aus.

Werner: Wie?

Verleger (grinst): Was!

Werner (befingert verlegen sein Bierglas, trinkt einen Schluck): Ist nicht wirklich der Rede wert. Und eigentlich versteh ich es auch nicht.

Verleger (schweigt)

Werner (stellt das Bier ab, schaut aus dem Fenster in die Nacht): Seit Jahr und Tag guck ich mir die ekligsten Leichen an: Erhängte, Erschossene, Erstochene, und dass die manchmal schon wieder lebendig werden, bis wir sie finden, das ist nun auch nix Seltenes.

Verleger: Wieder lebendig?

Werner: Sorry. Die Maden halt.

Verleger: Hm.

Werner: Das hat mir nie irgendwas ausgemacht. Nicht ein einziges Mal in all den vielen Jahren. Ich bin heim, hab mich umgezogen und geduscht, und gut war`s.

Verleger: Und jetzt macht`s dir was aus?

Werner (zuckt die Schultern): Stell dir vor, Anne hat mir gemailt.

Verleger: Was hat das mit den Maden zu tun?

Werner: Sie will, dass ich ihr neuestes Elaborat begutachte. Einen echt witzigen Krimi. Mit echt witzigen Leichen. Und einem ausgesucht superwitzigen Mörder. (trinkt einen Schluck) Und einer geradezu aber-witzigen Ermittlerin. Und obendrauf ein schwuler Kommissar. Edel, witzig und gut. Und das mitten im Odenwald.

Verleger: Ist doch witzig.

Werner: Es KOTZT mich an!

Verleger (grinst): Warum sagst du nicht einfach Nein? Den Ehefrieden kann`s ja nicht mehr belasten.

Werner: Das einzige Mal, dass Anne ein Nein von mir akzeptiert hat, war die Antwort auf ihre Frage, ob ich was dagegen habe, dass wir die Wohnung verkaufen. Wie sollte ich.

Verleger: Nun sag`s endlich.

Werner: Was?

Verleger: Der witzige Krimi und der schwule Kommissar sind nicht das Problem, oder?

Werner (trinkt das Bier aus. Befingert den Tisch) Ich versteh`s einfach nicht. Das ist doch verrückt! Ich mach das so lange, und dann …

Verleger (schweigt)

Werner: An dem Tag, als du mich hier getroffen hast … morgens: Anruf einer erbosten Frau bei der Polizeistation. Sie hätte jetzt den Kanal voll. Der Scheißkerl von obendrüber würde seit Wochen rund um die Uhr den Fernseher laufen lassen. Ob die Polizei nicht mal was unternehmen könnte. Sie hätte schon `zig mal geklingelt und sogar gegen die Decke gehauen, und jetzt wolle sie den anzeigen, wegen Ruhestörung. Weil er das Ding nicht mal nachts abschalten würde. Na ja, so laut war`s gar nicht. Hat sich sonst auch keiner beschwert von den vielen nebendran und drumherum. Und dann sind wir halt rein.

(Forts. folgt)

Dienstag, 20. Dezember 2011

Eine spannende Aufgabe.

Donnerstag, 15. Dezember 2011.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (5)


Spätabends. Werner sitzt am gleichen Tisch wie am Vortag. Der Verleger kommt rein.

Verleger (setzt sich): Schön, dich zu sehn.

Werner (nickt, schaut zur Theke): Willi – zwei Pils!

Willi (ruft zurück): Na, das haste noch drauf wie früher!

Der Verleger und Werner grinsen. Warten, bis das Bier kommt.

Verleger: Wann habt Ihr Euch denn getrennt?

Werner: Ist schon fast zwei Jahre her.

Verleger: Bei mir dreieinhalb.

Werner: Tja, die Zeit vergeht.

Verleger: Hm.

Werner: Dein Sohn …

Verleger: Sagt zu meinem Nachfolger demonstrativ Papa und mag mich im Augenblick nicht so leiden.

Werner: Nicht schön, was?

Verleger: Das gibt sich.

Werner: Und der Job?

Verleger (grinst): Zwei Stufen auf der Karriereleiter rauf und der Chef ist der gleiche Dösbattel wie vorher.

Werner: Na, meiner ist ganz o.k.

Verleger: Aber?

Werner: Was, aber?

Verleger: Es ist nicht Anne, warum du plötzlich abends hier Bier trinkst, stimmt`s?

Werner: Anne und ich sind – wie sagt man so schön – gute Freunde geblieben.

Verleger: Beneidenswert.

Werner: Na ja, mir wär` lieber, sie würde mich einfach in Ruhe lassen.

Verleger: Hat sie …?

Werner: Gutsituiert wiederverheiratet, gehobenes Reiheneckhaus, immer noch ohne Kind. Und endlich die erfolgreiche Schriftstellerin, die sie immer werden wollte.

Verleger (grinst): Deine Anne? Tatsächlich?

Werner (nickt): Ich sag`s dir: Du würdest sie nicht wiedererkennen. Neue Frisur und zehn Kilo abgenommen. Dafür aber ganz dick im Geschäft.

Verleger (neugierig): Ach? Und in welchem Genre?

Werner (seufzt): Das willst du nicht wirklich wissen.

Verleger: Warum? Schreibt sie etwa Vampirstories?

Werner: Angefangen hat sie mit nun ja … Liebesromanen. Seit einiger Zeit meint sie, Krimis wären auch nicht schlecht.

Verleger (lacht): Lass mich raten: Du musst als Fachlektor herhalten?

Werner: Ehrlich gesagt, konnte ich mit ihrem Geschreibsel noch nie viel anfangen. Und mir wär`s wirklich mehr als recht, wenn sie mich davon verschonen würde. Aber was mache ich? Kaum sind wir geschieden, lasse ich mich breitschlagen, ihre neuesten Kreationen auf inhaltliche Mängel bezüglich Polizeiarbeit durchzusehen.

Verleger: Eine spannende Aufgabe.

Werner: Spannend? Enervierend! Endlose Diskussionen, warum es nun doch nicht so geht, wie es eigentlich richtig wäre und überhaupt. Na ja, ich geb`s zu, beim letzten Werk war ich dann nicht ganz so beflissen. Hab einfach gesagt, es sei ok und gedacht, dass das sowieso keiner merkt.

Verleger: Und jetzt hat`s doch einer gemerkt.

Werner: Offensichtlich.

Verleger: Sie schreibt aber nicht unter ihrem Namen, oder?

Werner: Nö. Musste einen Eid schwören, dass ich nichts verrate.

Verleger: Womöglich hab ich schon ein Werk von ihr gelesen, ohne es zu wissen?

Werner: Seit wann liest du Krimis?

Verleger (grinst): Wenn Berti mir einen empfiehlt.

Werner (überrascht): Der alte Buchmann hat den Laden immer noch?

Verleger: Noch, ja. (schaut zur Tür, lacht): Wenn man vom Teufel spricht!

Berti (kommt zum Tisch, schaut Werner an): Einen schönen guten Abend! Sie waren ja lange nicht mehr hier.

Werner (nickt, steht auf, gibt ihm die Hand.) Es freut mich Sie zu sehen, Herr Buchmann.

Verleger: Willi – drei Bier!

Weihnachtsblues.

Mittwoch, 14. Dezember 2011.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (4)


Später Abend, nur wenige Plätze sind besetzt. Am Fenster, allein am Tisch: ein Mann, mittleres Alter, untersetzt, Stirnglatze, in Gedanken versunken. Vor ihm ein leeres Bierglas.

Der Verleger (bleibt vor dem Tisch stehen, lacht): Ja, glaub ich`s! Was machst du denn hier?

Mann (schaut erschrocken auf, stutzt. Grinst verlegen): Und was machst du hier?

Verleger: Hast du vergessen, dass das mal unsere Stammkneipe war, du Fahnenflüchtler?

Mann: Ist schon ein Weilchen her, was?

Verleger: Jupp! (deutet auf einen leeren Stuhl): Was dagegen, wenn ich mich setze?

Mann (grinst): Was, wenn ich Ja sage?

Verleger (setzt sich): Zu spät. (ruft in Richtung Theke): Willi – mach mal zwei Pils!

Mann: Sag bloß, du bist immer noch regelmäßig hier?

Verleger: Allerdings. Eine Freude im Leben muss man ja haben als Ex-Mann.

Mann (überrascht): Ihr habt euch getrennt?

Verleger: Hm.

Mann: Tja.

Verleger: Ich denk schon fast nicht mehr dran.

Mann: Und der Kleine?

Verleger: Spielt inzwischen Playstation.

Mann (verlegen): Ist wirklich `ne Weile her, ja.

Verleger: Und du? Immer noch im Feindesland jenseits des Mains auf Mörderjagd?

Mann: Hm.

Verleger: Und was hat dich ausgerechnet heute an unsere alte Wirkungsstätte verschlagen?

Mann: Ich dachte, es wäre mal wieder an der Zeit.

Verleger: Hm.

Warten schweigend aufs Bier.
Einige Minuten später. Willi bringt zwei Pils.


Verleger (prostet dem Mann zu): Auf alte Zeiten!

Mann: Auf alte Zeiten, ja.

Beide trinken, stellen das Glas ab. Schweigen.

Mann: Wie lange ist das eigentlich her, seit wir hier saßen und drauf und dran waren, die Welt aus den Angeln zu heben?

Verleger: Gefühlte drei Generationen.

Mann (lacht)

Verleger: Wie geht`s deiner Frau?

Mann: Exfrau.

Verleger: Oh.

Mann: Tja.

Verleger: Weihnachtsblues?

Mann: Dafür ist`s zu lange her.

Schweigen. Der Mann trinkt das Bier aus, winkt Willi.

Verleger: Lass mal! Bist eingeladen.

Mann (steht auf): Na dann.

Verleger: Morgen Abend, gleiche Zeit?

Mann (nickt). Warum nicht. Bis dann.

Verleger: Bis dann, Werner.

Montag, 21. November 2011

Der pensionierte Lektor.

Dienstag, 1. November 2011, abends.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche (3)


Ad (sitzt am Stammtisch und nuckelt am Bier.)

Der Verleger (kommt rein, stürmt zum Tisch, wirft Ad die Zeitung vom Montag hin): Was soll das?

Ad (grinst): Willste dich nicht erst mal setzen und ein Bier bestellen, Kumpel?

Verleger: Mir ist die Lust auf Bier vergangen!

Ad: Jetzt sag bloß, dir gefällt mein Marketingkonzept nicht?

Verleger (deutet auf die Zeitung): In meinem Verlag gibt es keine Bücher, also brauche ich auch keinen Lektor! Und schon gar nicht brauche ich einen Aufruf in der Presse, der dazu führen wird, dass ich unter unveröffentlichten Manuskripten begraben werde!

Ad: Also, ich weiß nicht, was du hast, ehrlich! Gründest einen Verlag, und regst dich auf, wenn`s gut läuft.

Verleger: Das war ein Joke, verdammt noch mal! Ich habe keine Lust, die Hälfte meines Gehalts für Portokosten auszugeben und meine Feierabende damit zu verbringen, Manuskripte meiner heimlich seit Kindheitstagen schriftstellernden alleinstehenden Nachbarin entgegenzunehmen.

Ad: Wenn sie gut aussieht – warum denn nicht?

Verleger: Tut sie nicht.

Ad (ruft in Richtung Tresen): Willi, mach mal zwei Pils – geht auf meine Rechnung heute!

Verleger (setzt sich): Also, jetzt im Klartext: Ich will, dass das sofort aufhört!

Ad: Was?

Verleger (haut auf die Zeitung): DAS!

Ad (verschnupft): Also, Kumpel, mal ehrlich: Wo ist das Problem? Du wirst berühmt, und es kostet dich keinen Pfennig!

Verleger: Cent.

Ad: Meinetwegen. Und wenn du die Manuskriptpäckchen immer noch meinst selbst bearbeiten zu müssen, dann kann ich dir nicht helfen. Ich hab dir gesagt, ich kümmere mich drum, und das mach ich auch!

Verleger: Ach? Und woher kommt die Kohle?

Ad (strafft die Schultern und doziert): Die Bearbeitung der Manuskripteinsendungen erfolgt kostenneutral. Die Einsender werden – übrigens auch in dem Artikel – darauf hingewiesen, dass Rücksendungen nur erfolgen können, wenn ausreichend Rückporto beiliegt. Auch auf der Website habe ich einen entsprechenden Hinweis aufgenommen.

Verleger: WELCHE WEBSITE?

Ad: Ein Verlag ohne Internetauftritt, das geht ja mal nun gar nicht. Und wenn man ein bisschen Werbung akzeptiert, kann man sogar ein paar Penunzen Plus machen.

Verleger: Ich glaub`s nicht.

Ad: Gut, gell?

Verleger (wütend): Wer ist dieser Lektor?

Ad: Na ja, so ein bisschen auslegende Kreativität muss man sich schon erlauben, wenn man einen kompletten Verlag in Personalunion führt.

Verleger: Was soll das bitte heißen?

Ad (grinst): Das Bier kommt.

Verleger (nimmt das Bier und trinkt es halb leer. Er deutet wieder auf die Zeitung.) Warum hast du nicht gleich meinen Beruf, Geburtstag, Ehestand, Telefonnummer und die Wohnanschrift mit reingeschrieben?

Ad (verdutzt): Ich dachte, du wolltest nicht so offen auftreten?

Verleger: Herrgott noch mal! Jeder, der mich kennt, weiß wer gemeint ist!

Ad: Aber wer dich nicht kennt, weiß es nicht. Und so bleibt dein Briefkasten verschont, und die Leute haben was zu rätseln. Das macht es interessant. Und was die Direktpost deiner Nachbarschaft angeht: Nur her mit dem Krams.

Verleger: Und du willst mir erzählen, dass dieser Lektor nichts anderes in seinem Ruhestand zu tun hat, als aus lauter Lust und Liebe Hunderte von Manuskripten zu sichten und …

Ad (zerknirscht): Na ja, ganz umsonst war`s nicht.

Verleger: Was verlangt der Kerl?

Ad: Die Auslagen liegen unter 30 Euro, ich schwör`s. Ich finde, das ist ein guter Schnitt für das, was wir dafür kriegen.

Verleger: 30 Euro wofür?

Ad (zuckt die Schultern): Einmal Herrenschnitt Sonderangebot, einmal Eintritt ins Hallenbad zwecks Duschen und einen Frei-Einkauf bei Aldi. Ich vermute, Spirituosenabteilung.

Verleger: Häh?

Ad: Dafür macht uns Hubertchen garantiert null Probleme. Und Zeitung liest der auch nicht.

Verleger: Ich versteh nur Bahnhof.

Ad: Ist auch besser so.

Donnerstag, 22. September 2011

Pressestelle. Unleserliche Unterschrift.

Montag, 12. September 2011, abends.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche. (2)


(Ad und DerVERLEGER sitzen am Stammtisch und trinken ein Sieben-Minuten-Pils.)

Verleger: Na? So schweigsam heute? Gibt`s Probleme?

Ad (grinst, nimmt das Bier und prostet ihm zu): Ach was! Alles bestens!

Verleger: ABER?

Ad: Kumpel, du solltest endlich anfangen, mir zu vertrauen. Ich weiß, was ich tue!

Verleger: Und was tust du?

Ad (trinkt einen Schluck und grinst noch mehr): Na was wohl? Werbung für dich machen! Und ich sag dir: Das flunzt, da bin ich selbst überrascht von! Und wir stehen erst am Anfang!

Verleger: Kostet das nicht viel Geld? Ich möchte nicht …

Ad (tätschelt ihm gönnerhaft den Arm): Ich hab`s dir doch gesagt: Erst mal alles nur auf Probe. Und wenn die Kohle sprudelt, dann …

Verleger: Wie soll bitte schön Kohle sprudeln in einem Verlag, der keine Bücher verlegt?

Ad: Du wirst schon sehen. Morgen erscheint übrigens dein Interview.

Verleger (baff): Welches Interview??

Ad: Also, echt! Wir hatten eine Anfrage vom NNB, erinnerst du dich?

Verleger: Ich habe kein Interview gegeben!

Ad (lacht, schaut zur Decke und rezitiert): Der Verleger des Thoni-Verlags freut sich über Ihr Interesse und ist selbstverständlich gerne bereit, zu Ihren Fragen Stellung zu nehmen. Wir bitten, diese schriftlich zu übermitteln und werden sie umgehend beantworten. Mit freundlichen Grüßen. Thoni-Verlag. Pressestelle. Unleserliche Unterschrift.

Verleger: Pressestelle? Unleserliche Unterschrift? Was soll der Quatsch?

Ad: Soll ich etwa mit meinem Namen unterschreiben, damit jeder gleich merkt, dass beim Thoni-Verlag die Presseabteilung und die Marketingabteilung in Personalunion geführt werden?

Verleger: Damit hat der sich doch nicht etwa zufriedengegeben?

Ad: Na sicher doch! Nachdem ich ihm versichert habe, dass ein persönlicher Gesprächstermin bedauerlicherweise bis auf Weiteres aufgrund der zu priorisierenden Aufbauarbeit für den Verlag nicht möglich ist und die Presseabteilung sich bei Ablehnung nicht an die Zusage des Exklusivinterviews gebunden fühlt, zumal bereits mehrere überregionale Anfragen vorliegen.

Verleger: Überregionale Anfragen? Davon hast du mir auch nichts gesagt!

Ad (verdreht die Augen): Meine Güte! Das kommt schon noch. Aber …

Verleger (empört): Versteh ich das richtig? Du hast den Rastlos angelogen?

Ad (schaut ihn sehr streng an): Niemals, hörst du: NIEMALS solltest du den Namen eines Menschen, der für dich irgendwie relevant sein könnte, FALSCH aussprechen oder schreiben! (lacht in sich hinein). Der war so geil auf die Story, der hat sogar geschluckt, dass ich die eine oder andere Frage etwas angepasst habe.

Verleger: Angepasst …?

Ad: An die passende Antwort, Kumpel! Und wenn du erst das Bild siehst …

Verleger: Du hast dem doch nicht etwa ein FOTO von mir überlassen???

Ad: Dass du inkognito bist, ist doch der wesentliche Grund, warum die überhaupt über dich berichten! Nee, die Bildstocks bieten da mittlerweile für wenig Knete richtig gute Ware!

Verleger: Ich versteh gerade gar nichts! Warum hast du mir die Fragen nicht gegeben?

Ad: Das ist schon mal schiefgegangen, oder? Außerdem hattest du keine Zeit.

Verleger: Das stimmt doch gar nicht! Ich hätte jederzeit …

Ad: Also wirklich: Du musst noch viel lernen, Kumpel!

Montag, 12. September 2011

He, Kumpel!

Donnerstag, 8. September 2011, abends.
Bei Willi vor der Ecke. Kneipengespräche (1)


DerVERLEGER (ruft quer durch den Raum): Willi! Bringst du mir noch ein Bier?

Willi (ruft zurück): Das ist schon das vierte!

DerVERLEGER: Ist mir egal!

Eddy Weber (sitzt am Tresen): Mir auch eins, bitte.

(Willi zapft gemächlich zwei Bier. Sieben Minuten später. Stellt Eddy das Bier hin, bringt dem VERLEGER das zweite.)

Willi: Wo hast du denn deinen Herrn Buchmann gelassen?

DerVERLEGER: Der hat schon genug für heute.

Willi: Hm.

DerVERLEGER: Tja.

Willi: Jo, also, dann. (Verschwindet wieder hinter dem Tresen.)

Eddy: Ist dem die Frau weggerannt?

Willi: Nö.

Eddy: Sondern?

Willi: Hat einen Verlag gegründet.

Eddy (interessiert): Ach, tatsächlich?

Willi: Hm.

Eddy: Und jetzt läuft`s nicht, oder was?

Willi: Hm.

Eddy: Hat er schon einen Leiter für die Marketingabteilung?

Willi: Häh?

Eddy: Ich frag ihn am besten selbst. (Nimmt sein Bier und geht zum Tisch des VERLEGERS.) He, Kumpel! Darf ich mich zu dir setzen?

DerVERLEGER: Kennen wir uns?

Eddy: Noch nicht. Aber du wirst es nicht bereuen, ich versprech`s. (Setzt sich und trinkt einen Schluck.) So ein frisch Gezapftes hat was.

DerVERLEGER: Sie trinken nicht oft Bier, was?

Eddy: Warum?

DerVERLEGER: Mein Freund und ich versuchen seit Jahren, Willi zu überzeugen, dass drei Minuten fürs Zapfen reichen.

Eddy (streckt ihm die Hand hin): Eddy.

DerVERLEGER: Hm.

Eddy: Kannst auch Ad sagen. Das sagen alle. (Macht eine kleine Pause, nippt am Bier. Grinst.) Ich habe gehört, dass du einen Verlag gegründet hast und wollte dir einen Deal vorschlagen. Ich bin nämlich Marketingexperte. Und hab gerade zufällig ein bisschen Luft für neue Aufträge.

DerVERLEGER: Ich glaube, ich hab da keinen Bedarf für.

Eddy: Die meisten Unternehmen gehen nicht kaputt, weil sie schlechte Produkte anbieten, sondern weil die Inhaber keine Ahnung haben, wie sie sich richtig vermarkten! Glauben Sie`s mir: Wer den Leuten was verkaufen will, muss ein vernünftiges Marketingkonzept haben!

DerVERLEGER: Ich will nichts verkaufen.

Eddy: Ein Verlag druckt Bücher, oder? Und die sollen …

DerVERLEGER (trinkt einen großen Schluck): Der Name ist Konzept genug, find ich. Thoni - der Verlag ohne Bücher.

Eddy (stutzt einen Moment, lacht): Super, das! Ein Verlag ohne Bücher! Wer hat sowas schon gehört! Das ist …

DerVERLEGER: Eine ziemlich spinnerte Idee, ich weiß. Ich wollte auch eigentlich nur meinem Freund Berti helfen. Der ist Buchhändler und muss immer stapelweise Bücher verkaufen, die er nicht mag. Und, noch schlimmer: ständig die Stapel umräumen, weil Neues kommt oder das Alte nicht mehr gefragt ist. Wobei alt so ungefähr zwei bis vier Wochen umfasst. Und wenn ich ihn fragte, ob er mitkommt ein Bier trinken, (trinkt bei der Gelegenheit sein Glas leer), hat er immer Ausreden gehabt. Von wegen viel Arbeit und so. Na ja, hab ich gedacht, wenn er privat nicht will, mach ich es eben geschäftlich. Dann kann er nicht Nein sagen. Wenn der Verlagsinhaber sogar selbst kommt und das Programm vorstellt. Außerdem wollte ich ihn mal wieder lachen sehen.

Eddy (bekommt langsam glühende Wangen): Das ist genial! Sowas habe ich noch nie gehört! DAS kann man vermarkten, bis die Bude qualmt! Ich sag`s dir, Kumpel!

DerVERLEGER: Aber ich will doch gar nichts verkaufen!

Eddy: Sag mal, bist du so dumm oder tust du nur so? Klar willst du was verkaufen! Deine Idee! Die Idee, die hinter dieser Verlagsgründung steckt! Und sag mir nun nicht, dass da nicht noch was anderes dahinter ist.

DerVERLEGER: Willi! Noch ein Bier!

Eddy: Na, komm, sag schon!

DerVERLEGER: Mein Briefkasten quillt über vor Manuskripten.

Eddy: Das ist prima!

DerVERLEGER: Das ist Mist! Die Klappe ist schon kaputt gegangen von all dem Zeug, und das Zurückschicken kostet pro Tag mehr Porto als die Anmeldung des Verlags beim Gewerbeamt.


Eddy: Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du Manuskripte zurückschickst?

DerVERLEGER: Warum? Was ist falsch daran?

Eddy (schüttelt den Kopf): Ich sag dir jetzt mal was: Du brauchst dringend einen Marketingschef, einer, der dir sagt, wie du deine geniale Idee unter die Leute bringst, und zwar so, dass das monetär vertretbar ist.

DerVERLEGER: Monetär vertretbar …

(Die Tür geht auf, Reporter Rudi Ratlos vom NNB kommt herein. Schaut sich um. Sieht den VERLEGER, überlegt kurz und kommt zum Tisch.)

Rudi: Guten Abend. Schön, dass ich Sie treffe. Ich müsste dringend einen neuen Termin mit Ihnen ausmachen.

DerVERLEGER: So. Und warum?

Rudi: Ähm, ja. Vielleicht sollten wir es doch noch mal mit einem Interview versuchen?

DerVERLEGER: Das letzte war nicht besonders erfolgreich.

Rudi: Wann hätten Sie Zeit?

DerVERLEGER: Also, eigentlich … gar nicht.

Eddy: Natürlich hat er Zeit. Haben Sie ein Kärtchen? Ich rufe Sie an.

DerVERLEGER und Rudi (gleichzeitig): Wie bitte?

Eddy (grinst und streckt Rudi die Hand hin): Eduard Weber. Thoni-Verlag. Marketingabteilung. Also?

Rudi (zückt beeindruckt seine Visitenkarte und händigt sie aus): Könnten Sie mir sagen, wann …

Eddy: Ich rufe Sie an, ja? Ach, und keine Sorge: Sie kriegen ein Exklusiv-Interview.

Rudi: Sicher?

Eddy: Sicher.

(Rudi geht zufrieden zur Theke und bestellt ein Bier. Eddy neigt sich zum VERLEGER.)

Eddy: Siehst du, so flunzt das!

DerVERLEGER: Warum hast du mich nicht ausreden lassen. Jetzt musst du telefonieren wegen des Termins. Dabei hätten wir es doch gleich jetzt abmachen können.

Eddy: Ts! Kumpel, du brauchst wirklich dringend einen Marketingexperten. Bist du morgen Abend wieder hier?

DerVERLEGER: Wahrscheinlich.

Eddy: Gut. Dann bis morgen. Bis dahin hab ich auch ein Grobkonzept.

DerVERLEGER: Also, ich bin der Meinung …

Eddy (grinst): Keine Sorge! Ich mach das ganz umsonst. Wenn der Laden erst brummt, können wir gern über eine vernünftige Honorierung reden. Und weißt du was, Kumpel? Ich bin tausendprozent sicher, dass der Laden brummen wird! Und jetzt gehen wir beide schön nach Hause.

(DerVERLEGER will protestieren. Eddy deutet in Richtung Theke.)

Eddy: Der Schmierfink da drüben wartet doch nur, bis ich weg bin. Dann wird er versuchen, dir die Infos für lau rauszusaugen. Aber so läuft das nicht!

(Willi kommt mit dem Bier).

Eddy: Alles auf meine Rechnung. (Deutet auf das Bier.) Und das bringst du dem Herrn Journalisten. Mit besten Grüßen vom VERLEGER.